Ein Nachruf auf den Freiburger Religionsphilosophen Bernhard Casper

05.07.2022

Die Begegnung mit dem Anderen als Erscheinungsort Gottes

Bernhard Casper Nachruf

Ein Nachruf auf den Freiburger Religionsphilosophen Bernhard Casper

Der Freiburger Religionsphilosoph Bernhard Casper, der den für seinen Lehrer Bernhard Welte an der Theologischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg eingerichteten Lehrstuhl für Christliche Religionsphilosophie von 1979 bis 2000 innehatte, ist am 8. Juni 2022 im Alter von 91 Jahren in seiner Wohnung in Wittnau bei Freiburg i. Br. verstorben.

Als Student der katholischen Theologie und der Philosophie und besonders als Assistent am religionsphilosophischen Lehrstuhl Bernhard Weltes in Freiburg kam Bernhard Casper bereits zu Beginn der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in enge Berührung mit der Philosophie Martin Heideggers und deren Rezeption von Seiten der christlichen Theologie. Diese frühe Begegnung mit der phänomenologischen Denkweise Heideggers und der so genannten „katholischen“ Heidegger-Schule hat nicht nur das Philosophie-Verständnis, sondern auch den persönlichen Denkstil Bernhard Caspers nachhaltig geprägt.

Caspers eigener religionsphilosophischer Ansatz, der vom Ereignis-Charakter der zwischenmenschlichen Beziehung als einem ausgezeichneten Ort menschlicher Gotteserfahrung ausgeht, ist zunächst durch seine Begegnung mit dem dialogischen Denken der jüdischen Religionsphilosophen Franz Rosenzweig, Ferdinand Ebner und Martin Buber bestimmt worden, dessen Erhellung er seine Habilitationsschrift Das dialogische Denken. Eine Untersuchung der religionsphilosophischen Bedeutung Franz Rosenzweigs,  Ferdinand Ebners und Martin Bubers (Freiburg i. Br./Basel/Wien 1967) gewidmet hat, die 2002 in zweiter, erweiterter Auflage erschienen ist. Die dialogische Dimension der menschlichen Sprache als die Grundform der zwischenmenschlichen Beziehung hat Casper in seiner Studie Sprache und Theologie. Eine philosophische Hinführung (Freiburg i. Br. u. a. 1975) in das Zentrum seiner Überlegungen gestellt und deren Bedeutung für die christliche Theologie erhellt. Denn diese sollte sich sowohl als Übersetzung der Inkarnation des Gottessohnes in menschliche Sprache als auch als Übersetzung der biblischen Bezeugung und traditionellen Auslegung dieser Offenbarung in jeweils neue, zeitgemäße Sprachformen grundsätzlich dialogisch verstehen.

Nach seiner Ausbildung zum Hochschullehrer am Lehrstuhl für Christliche Religionsphilosophie der Theologischen Fakultät an der Universität Freiburg, die durch einige Jahre als Kaplan und Studentenseelsorger in seiner Heimatdiözese Würzburg – Casper war seit 1955 katholischer Priester – unterbrochen wurde, lehrte er von 1971 bis 1978 als ordentlicher Professor Fundamentaltheologie an der Universität Augsburg und schließlich seit 1978 als Ordinarius für Fundamentaltheologie und seit 1979 für Christliche Religionsphilosophie auf dem Welte-Lehrstuhl an der Universität Freiburg.

Um den jüdisch-christlichen Dialog auf wissenschaftlich reflektierter, religionsphilosophischer Ebene hat sich Bernhard Casper durch zahlreiche Veröffentlichungen und Vorträge und nicht zuletzt als Mitherausgeber der Gesammelten Schriften Franz Rosenzweigs große Verdienste erworben. Dies gilt gleichermaßen für sein jahrzehntelanges Engagement im deutschfranzösischen Wissenschaftsaustausch, insbesondere für seine schon in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begonnene Rezeption der jüdischen Religionsphilosophie von Emmanuel Lévinas für den deutschen Sprachraum. In ausdrücklicher Anerkennung und Würdigung dieser Verdienste ist ihm 1995 von der Philosophischen Fakultät des Institut Catholique de Paris die Ehrendoktorwürde verliehen worden. An der Religionsphilosophie von Lévinas faszinierte Bernhard Casper vor allem die Entschiedenheit, mit der Lévinas die ethische Beziehung einer unendlichen, bis zur Stellvertretung gehenden Verantwortung für den Anderen als den ausgezeichneten Ort menschlicher Gotteserfahrung, als die Spur Gottes in dieser Welt aufscheinen lässt. Seine diesbezüglichen Studien zur Erschließung von Lévinas’ „Hermeneutik diachronen da-seins“, die sich insbesondere auf den im deutschen Sprachraum noch wenig bekannten Nachlass von Lévinas stützen, hat Bernhard Casper in einem Sammelband mit dem Titel „Geisel für den Anderen – vielleicht nur ein harter Name für Liebe“. Emmanuel Levinas und seine Hermeneutik diachronen da-seins (Freiburg i. Br./München 2020) zusammengefasst. In konsequenter Fortführung seines dialogischen Ansatzes wurde von Casper auch und gerade das Gebet als ein – wenn auch nur im analogen Sinne – dialogisches Geschehen, und zwar als der Höchst- und Ernstfall des religiösen Verhältnisses, interpretiert, am ausführlichsten in seiner 1998 erschienenen Studie Das Ereignis des Betens. Grundlinien einer Hermeneutik des religiösen Geschehens (Freiburg i. Br./München 1998).

Die letzte Monographie Bernhard Caspers zur spätromanischen Rose der Barmherzigkeit, einem Hauptwerk des Freiburger Münsters, die zu seinem 90. Geburtstag im Jahre 2021 erschienen ist (vgl. Die Rose der Barmherzigkeit. Ein Hauptwerk des Freiburger Münsters, Freiburg i. Br./Basel/Wien 2021), lässt noch eine weitere Seite seiner ungemein reichen Forschungstätigkeit hervortreten, und zwar sein feinsinniges Deutungsvermögen der theologischen und philosophischen Bedeutungsdimension christlicher Kunstwerke.

Besonders verdienstvoll ist Bernhard Caspers vorbildlicher Einsatz für 3 die Bewahrung und Erschließung des geistigen Erbes seines bedeutenden akademischen Lehrers und Erstinhabers seines Lehrstuhls an der Universität Freiburg, Bernhard Welte (1906–1983), gewesen. Zu diesem Zweck gründete er im Jahre 1983 die Bernhard-Welte-Gesellschaft e. V. und übernahm deren Vorsitz für fast drei Jahrzehnte (bis 2012). Seine zweifelsohne größte Leistung während dieser Zeit war die Edition der Gesammelten Schriften
Bernhard Weltes in 16 Bänden (Freiburg i. Br./Basel/Wien 2006–2011), die er als deren Gesamtherausgeber im Auftrag der Bernhard-Welte-Gesellschaft e. V. und in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Christliche Religionsphilosophie an der Universität Freiburg maßgeblich leitete.

Verdient gemacht hat sich Bernhard Casper aber nicht nur als Theoretiker, sondern auch und ganz besonders als Praktiker des Gesprächs, insbesondere im interdisziplinären Bereich zwischen Geistes- und Naturwissenschaften innerhalb und außerhalb der Universität.

Abschließend soll ein für die geistige Physiognomie Bernhard Caspers besonders wichtiges Merkmal hervorgehoben werden, und zwar seine Persönlichkeit als engagierter akademischer Lehrer, der sowohl mehrere Studierendengenerationen behutsam in das philosophische Denken eingeführt als auch zahlreiche, überwiegend internationale Gastforscherinnen und Gastforscher an seinem Lehrstuhl und auch noch in seiner Ruhestandszeit bis ins hohe Alter hinein mit einer außergewöhnlich herzlichen Gastfreundschaft empfangen und mit großem persönlichen Engagement akademisch begleitet hat. Zutiefst von der Bedeutsamkeit der philosophischen Besinnung nicht nur für das Studium anderer universitärer Fächer, sondern auch für ein verantwortetes Selbst-, Welt- und Glaubensverständnis gerade in unserer immer zweckrationaler und deshalb rücksichtsloser werdenden Zeit überzeugt, ist Bernhard Casper für viele zu einem vorbildlichen Lehrer geworden, der sich nach einem Wort Edith Steins nicht für sich selbst, sondern für andere berufen wusste.
Markus Enders