Nachruf Dr. Lenz Prütting

30.06.2026

Nachruf auf Dr. Lenz Prütting

Dunkler Hintergrund. Kerzen im Vordergrund.

Der Verlag Karl Alber trauert um Lenz Prütting.

Verlagslektoren haben das Privileg, im Laufe der Jahrzehnte einige Hundert Autorinnen und Autoren kennen und schätzen zu lernen, jede und jeder mit einem unverwechselbaren intellektuellen Profil und einer ganz eigenen Persönlichkeit. Kaum einen Autor haben wir dabei so gut kennengelernt wie Lenz Prütting, der am 19. Juni 2026 mit 86 Jahren gestorben ist.

Lenz Prütting wurde 1940 in eine Familie hineingeboren, bei der die Eltern tief überzeugte Nationalsozialisten waren. Sein Vater starb 1942 an der Ostfront, und Lorenz Ekkehardt (so sein völkisch-programmatischer Taufname) hatte keine glückliche Kindheit. Mit sechzehn verließ er die Schule und arbeitete als Bergmann im Ruhrgebiet. Er holte das Abitur bald nach und studierte Philosophie, Literatur- und Theaterwissenschaft. Nach seiner Promotion war er zehn Jahre lang am Institut für Theaterwissenschaft der LMU München tätig und arbeitete danach als Dramaturg und Regisseur an verschiedenen Theatern, u. a. in Ingolstadt und Augsburg. Als Vornamen hatte er schon lange Lenz angenommen, so wie er sich als Einjähriger selbst genannt hatte („Lenzi“).

Nach der Jahrtausendwende widmete er sich dem Schreiben und verfasste insgesamt elf Monographien. Von diesen ragt die erste heraus: Homo ridens. Eine phänomenologische Studie über Wesen, Formen und Funktionen des Lachens, die nach elfjähriger Arbeit 2013 veröffentlicht wurde.

Mit über 2000 Seiten ist sie nicht nur die umfangreichste Monographie in der Geschichte des Verlags, sondern auch ein Buch, das in überregionalen Medien höchstes Lob erntete. So hieß es in der Süddeutschen Zeitung, ein solches Werk komme „wohl nur alle hundert Jahre einmal zustande“. Dass es vier Auflagen erlebte, ist zweifelsohne auch seinem brillanten Stil zu verdanken. Das zeigt sich schon beim ersten Satz des Vorworts: „Eigentlich wolltʼ ich ja nur einen Aufsatz schreiben“.

Begegnet sind wir uns Jahr für Jahr bei den Tagungen der Gesellschaft für Neue Phänomenologie, wo Lenz Prütting nicht nur in den Diskussionen durch geistreiche und originelle Bemerkungen auffiel, sondern auch durch seine leibliche Präsenz. Von äußerst kraftvoller und gedrungener Statur, offenbarte er sich als Hobbyschmied, der seinen Dank für gute Verlagsarbeit auch damit zum Ausdruck brachte, dass er selbstgeschmiedete Messer verschickte – einmal war der Begleitbrief nicht mit ins Päckchen gekommen und die Lektorin war nicht wenig irritiert.

Es war ein Vergnügen mit ihm zu sprechen, was zum einen an seiner umfassenden Bildung, seiner Freude an pointierten, scharfsinnigen Formulierungen, an seiner Leidenschaft für das, was ihn bewegte, zum anderen an seiner herzlichen und gemütvollen Art lag. Diese Charakterisierung mag wohl auch auf einige andere Autorinnen bzw. Autoren zutreffen. Lenz Prütting hatte jedoch einen weiteren Charakterzug, der ihn von diesen unterschied: Er konnte wahrhaft zornig sein. Das schildert er selbst an vielen Stellen in seinen Büchern, und auch dem Verlag gegenüber hat er nach einem gravierenden Missverständnis seinen gut nachvollziehbaren Zorn zum Ausdruck gebracht. An ihm konnte man erfahren, dass Zorn und Wut in der Wirkung ähnliche Emotionen, aber wesensmäßig ums Ganze verschieden sind.

Und so war der Lektor auf einiges gefasst, als nach dem Versand des Coverentwurfs für die 4. Auflage von Homo ridens Lenz Prütting mit ernster, tiefer Stimme das Telefongespräch mit den Sätzen eröffnete: „Das ist doch nicht möglich. Es ist schier unglaublich.“ Doch dann stellte sich heraus, dass das Coverfoto bei ihm nicht Zorn, sondern Erstaunen ausgelöst hatte: „Es gibt von mir keine Kinderfotos, auf den ich lache“, setzte er fort, „aber wenn es eines gäbe, dann sähe ich ganz genau so aus wie der Junge auf dem Foto. Es ist wirklich unglaublich.“

Mögen seine Familie und Freunde ihn – auch – mit dem verschmitzten Lächeln des kleinen Lenzi in Erinnerung behalten.