Interview mit Professor Dr. Gérard Raulet

29.05.2026

Deliberative Politik im Zeitalter der neuen Medien

Rechts ist das Porträt des Professors Raulet und links schwebt das Buch "Öffentlichkeit". Im Hintergrund ist eine abstrakte Menschenmenge.

Interview mit Professor Dr. Gérard Raulet

Das Werk Öffentlichkeit. Fünf Studien beschäftigt sich mit der „präsentativen Öffentlichkeit“ und stellt die Frage, ob die deliberative Politik noch zu retten sei. Der Autor, Herr Professor Dr. Gérard Raulet, kommt mit unserem Verlag ins Gespräch und gibt Einblicke in seine Motivation, das Buch zu verfassen, den Schreibprozess und den Inhalt des Buches.

Was hat Sie motiviert, über die „präsentative Öffentlichkeit“ zu schreiben?

„Die zunehmende Theatralisierung der Herrschaft ist augenfällig. Die demokratische Dynamik gibt heute den Individuen die Möglichkeit, alternative Formen der politischen Gewalt zu experimentieren, die das Wahlverfahren umgehen und subvertieren. Dies ist die Kehrseite eines politischen Stils, der in der Mediengesellschaft zur Regel geworden ist: Das – seitens der Politiker mehr oder weniger beherrschte, aber bewusst manipulierte – Nichteinhalten der Konventionen ist zum bevorzugten Mittel politischer Repräsentation geworden. Der ‚telegene Schwung‘ ersetzt die demokratische Legitimität. “

Sie schreiben, dass aktuelle Vergesellschaftungs- und Kommunikationsmodelle das klassische Verständnis deliberativer Politik in die Enge treiben. Welches Beispiel zeigt diese Entwicklung für Sie besonders deutlich?

„Ich habe die Problematik der Theatralisierung in meinem Buch ‚Politik des Ornaments‘ (2023) untersucht, in dem es um das Ornament als Bindeglied zwischen der irdischen und der religiösen Ordnung und somit als Träger der Legitimation geht. Die Alternative dazu ist die parlamentarische Vertretung. Im Gegensatz zu diesen beiden Formen politischer Repräsentation wird heute die Theatralisierung eingesetzt, um dem Defizit an Legitimation abzuhelfen. Politik wird in hohem Maße expressiv. Ausdruck unterläuft und pervertiert die demokratische Repräsentation. Trumps Herrschaftsstil, der politische Öffentlichkeit auf Propaganda herabsetzt, ist geradezu die Probe aufs Exempel. Damit geht das Zunehmen der Emotionalität in der politischen Kommunikation und grundsätzlich in den Kommunikationsformen und -medien einher. Ausdruck und Dissens sind heute die dominierenden Formen gesellschaftlichen Umgangs.

Der Komplex, den es zu untersuchen gilt, verbindet also die Verbreitung ‚postmoderner‘ Öffentlichkeitsformen in der Zivilgesellschaft mit dem parallelen Durchbruch der Propagandaform in der politischen Sphäre. Dabei geht es um die Frage, wie ein tragfähiger allgemeiner Wille heute zustande kommen und sich behaupten kann. Denn über die grundsätzliche Konfliktualität der liberalen Ordnung hinaus steigert sich in der gegenwärtigen Öffentlichkeit der Anteil des Zufälligen und Kontingenten als die äußerste Konsequenz des siegreichen Individualismus. Dieser Zusammenhang besiegelt die Ohnmacht jeder selbstbestimmten politischen Öffentlichkeit gegen illiberale Abirrungen.“

Welche Aspekte des Schreibprozesses oder der theoretischen Arbeit an diesem Buch haben Sie persönlich am meisten begeistert?

„Ausgelöst wird der Schreibprozess in aller Regel durch eine sachliche Herausforderung – in diesem Fall ein tiefgreifender Umbruch in der Bildung politischer Öffentlichkeit. Hinzu kam die irritierende Feststellung, dass diese Entwicklung von der politischen Theorie zu wenig berücksichtigt und gemeinhin als bloβe Nebenerscheinung betrachtet wird. Mein Buch lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Dimension, die mittlerweile zu den Prioritäten der sozialwissenschaftlichen Forschung gehört: die Bedeutung des Ausdrucks im öffentlichen Raum und den Anteil der Affekte an der Bildung der politischen Öffentlichkeit. Seine Antwort auf diesen Mangel beruht auf einer Methode, die Ideengeschichte und zeitgenössische politische Philosophie verbindet. Deren Verhältnis ist gleichsam das von Theorie und Praxis. Um die Ausmaβe neuer Öffentlichkeits- und Repräsentationsformen zu erfassen, wird in einer Vergegenwärtigung der Formen öffentlicher Meinungsbildung von den Anfängen der Medienkulturtheorien bis zur Revolution der neuen Kommunikationstechnologien nach kritischen Ansätzen gesucht, die auf die aktuelle Situation bezogen werden und die Herangehensweise an deren Herausforderungen neu zu konfigurieren erlauben.“