Ein Einblick des Autors in den Inhalt des Buches
Dialoge über die mehrdimensionale, zeitliche, emotionale und soziale Intelligenz
Platon und Aristoteles entwickelten im 4. Jh v. Chr. gemeinsam einen Kompass zum Glück, den sie „Seele“ nannten. Sie streiten am Scheideweg zwischen dem Pfad zur Vollkommenheit und dem Pfad der Balance über gegensätzliche Richtungen: Platon empfiehlt den Aufstieg im „göttlicher Wahnsinn“ der Liebe, die Mitarbeit am gerechten Staat und die Selbstvergewisserung in einer Werte-Gemeinschaft, Aristoteles das soziale Gleichgewicht des charakterstarken Menschen in der freundschaftlichen Gerechtigkeit, die Stärkung des Mittelstandes und eine wissenschaftlich forschende Akademie.
Ambrosius und Augustinus begründeten im 4. Jh. n. Chr. die Kirche als exklusive Glücks-Instanz für die Christus-Nachfolger. Sie streiten aber über jeweils entgegengesetzte Glücks-Gleichgewichte: Ambrosius findet es in der geschwisterlich unterstützenden und wehrhaften Gemeinde, die sich auf die Maxima Moralia Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Armut konzentriert, die antike Tugendlehre als Minima Moralia integriert und auch den Widerstand gegen den Kaiser nicht scheut; Augustinus in der einzigartig persönlichen Beziehung zu Gott, der Ausrichtung auf das kommende Reich Gottes und der liebenden Hoffnung auf Gnade in der Verschmelzung der Zeiten.
René Descartes und Blaise Pascal analysierten im 17. Jahrhundert das Ich als Zentrum des Alls mit seiner Sehnsucht nach Unendlichkeit. Sie streiten über ihre entgegengesetzten Wege zum Glück: Descartes zielt auf die Balance des Menschen als duales Geist-Körper-Wesen über fünf Kunstgriffe der Menschlichkeit und eine Treppe der positiven Psychologie. Pascal sieht den dreidimensionalen Menschen vor die Wahl eines sterblichen oder unsterblichen Lebens gestellt und entwickelt einen Glückskalkül für das Gleichgewicht des Begehrens zwischen den Logiken des Erfolgs, der Wahrheit und der Liebe.
David Hume und Jean-Jaques Rousseau suchen im 18. Jh. für das menschlichen Trilemma eines guten Lebens zwischen Freiheit, Gleichheit, Glück neue Gleichgewichte – mit gegensätzlichen Prioritäten für Freiheit oder Gleichheit, emotionalem Gemeinsinn oder institutionalisiertem Gemeinwillen. Dafür erfinden sie die Wissenschaft vom ambivalenten Menschen, den Gesellschaftsvertrag als Grundlage einer gerechten Staatsverfassung und die Politische Ökonomie entweder als interventionistische nationale Planwirtschaft oder als liberale weltweite Marktwirtschaft.
Walter Eucken und Martin Heidegger entwickeln in der Hochphase der zweiten industriellen Revolution mit ihrer arbeitsteiligen Massenproduktion im Vorlauf auf den Zweiten Weltkrieg neue Wissenschaftssprachen, die Analyse des Individuums und der Gesellschaft zwischen Authentizität und sorgender Achtsamkeit einerseits oder Leistungswettbewerb und Sozialer Marktwirtschaft andererseits. Heidegger sucht das synchrone Gleichgewicht des Menschen in der selbstbestimmten Zeit, Eucken die human gebundene Freiheit des Menschen in einer Wettbewerbs-Ordnung. Diese müsse das Macht-Gleichgewicht im Markt zwischen Anbietern und Nachfragern verteidigen und verhindern, dass wirtschaftliche Monopole zu politisch autoritären Diktaturen eskalieren. Dafür müssten die frei planenden Menschen jedoch im fairen Leistungswettbewerb für einen gemeinsam erwirtschafteten Wohlstand einstehen.
Der Seelenkompass, die geschwisterliche Gemeinde, die Balance verschiedener Ich-Identitäten, die Konzeption einer gerechten Gesellschaftsordnung sowie der Ordnungsrahmen für Macht und Zeit sind fünf unverzichtbare Bausteine des modernen Selbst. Diese Selbst-Erneuerungen sind uns Heutigen nicht einfach durch die Gnade der späteren Geburt gegeben. Wir müssen uns ihrer schon wieder aktiv neu vergewissern, wenn wir unsere Wege zu neuen Glück-Gleichgewichten auf der Höhe des menschlichen Wissens beschreiten wollen.
Das menschliche Trilemma und die Denker des Gleichgewichts
Was ist ein gutes menschliches Leben? Das war die Ausgangsfrage dieser etwas anderen Art einer Philosophiegeschichte. Die erste Antwort lautete: Gutes Leben kann nicht direkt und singulär bestimmt werden, weil es Teil eines Trilemmas ist. Zu einem guten Leben gehören mindestens Freiheit, Gleichheit und eine Bestimmung des Glücks, die berücksichtigt, dass es immer auch ein Geschenk des Schicksals ist. Ein Trilemma ist eine Wahl aus drei angestrebten Optionen, zwischen denen Zielkonflikte bestehen und die deshalb nicht aufeinander rückführbar oder durch einander ersetzbar sind. Je mehr man sich einer der drei Optionen nähert, desto weiter entfernt man sich von den beiden anderen. Deshalb gelingt es häufig nur zwei der drei Optionen gleichzeitig anzusteuern. Das Streben nach Glück kann also nur als Suche nach einem Gleichgewicht aller drei Optionen, einem bestimmten Mischungsverhältnis von mehr oder weniger, gelingen. In den fünf Streitgesprächen in Athen, Mailand, Paris, London und Freiburg machen sich alle zehn Philosophen auf den ebenso spannenden wie mühsamen Weg, ein Gleichgewicht zwischen diesen Zielen herzustellen. Dieses Gleichgewicht ist die Voraussetzung, dass wir alle Potenziale ausschöpfen und als mehrdimensionale Menschen leben können. Diese entscheiden sich klar gegen den intuitiv einfacher erscheinenden Weg des Maximums, sich auf ein einziges Ziel vollständig zu fokussieren, sich dadurch aber auf nur eine menschliche Dimension zu verengen und deshalb gar nicht zu einem stabilen Glück gelangen zu können.
Damit fällen mehrdimensionale Menschen vorab zwei Grundentscheidungen: Zum einen wählen sie als Lösungsansatz die ausgleichende Kooperation in ihren sozialen Beziehungen, statt die bedingungslose Konfrontation um Überlegenheit und Herrschaft. Zum anderen legen sie sich fest auf ein anderes Niveau des Denkens, das Dichotomien auflöst, sie gerade nicht als Entweder-Oder verfestigt, sondern als ein Spektrum zwischen extremen Interessengegensätzen behandelt, die man aushalten und ausbalancieren muss. Wer ein gutes Leben anstrebt, muss sich in dieser Bandbreite positionieren und sein persönliches Gleichgewicht justieren. Kurzum: Diese zehn Denker des Gleichgewichts haben jeweils eine solche Balance konstruiert und ein Training angeboten – nicht selten eine Mitte zwischen den Extremen, manchmal auch eine völlig neue Sichtweise mit einem überraschenden Ausweg. Diese zehn Glücks-Modelle können uns sehr inspirieren, wenn wir unser Leben als ein gutes auf unsere Umbruchzeit maßschneidern.
Die Streitgespräche über Glück werden begleitet von je einer historischen und philosophischen Einordnung. Je ein Selbstcheck lädt dazu ein, die behandelten Streitfragen auf das eigene Leben anzuwenden. Der Essay über den „transformationalen“ Menschen und seine drei Intelligenzen zieht Schlussfolgerungen für unsere digitale und nachhaltige Transformation, in der wir lernen müssen, anders zu leben, anders zu denken, anders in der Zeit präsent zu sein, anders zu arbeiten, anders zu denken, zu fühlen und zu streiten.