Reflexe #2

13.03.2024

Reflexe #2

Die Kolumnenreihe mit Jörg Phil Friedrich

Winnetou, Jim Knopf und die Weißen Retter im Kinderfilm von 2024

Der Umgang mit Klassikern der populären Kultur, seien es Filme aus den 1960ern oder Kinderbücher aus der gleichen Zeit, ist derzeit heftig umstritten, weil sie, so der Vorwurf, rassistische und diskriminierende Sprache und Anschauungen vermitteln würden. Gerade wird wieder darüber diskutiert, dass das ZDF zu Ostern die Winnetou-Filme erneut ausstrahlen will, obgleich darin doch Klischees über die indigene Bevölkerung Amerikas verbreitet werden. Und vor wenigen Tagen erschienen neue Ausgaben der Kinderbuchklassiker von Michael Ende, in denen rassistische Ausdrücke durch unproblematische Wörter ersetzt worden sind. Die abfällige Weise, in der zur Zeit der Entstehung des Buchs ganz offen über Bewohner fremder Weltgegenden gesprochen wurde, ist nun nicht mehr sichtbar.

Zufällig war ich ebenfalls vor ein paar Tagen mit meinen Enkeln im Kino. Wir sahen einen ganz aktuellen Film Ella und der schwarze Jaguar, in dem ein Mädchen aus Nordamerika mit ihrer Biologielehrerin in ein Urwaldgebiet reist, um dort einen schwarzen Jaguar vor einer bösen Geschäftemacherin zu retten, die offenbar ebenfalls aus dem nördliche Amerika stammte.

Die nativen Einwohner des Urwaldes wurden im Film nicht mit diskriminierenden Begriffen bezeichnet. Sie spielten ohnehin nur Nebenrollen, sie sprachen nicht, sie tanzten allenfalls einen stampfenden Begrüßungstanz. Ansonsten saßen sie weitgehend teilnahmslos in kitschigen knappen Kleidungsstücken und mit langen Stäben in den Nasen auf Baumstämmen herum. Diejenigen unter ihnen, die doch etwas aktiver waren, hatten merkwürdig helle Haut oder lange blonde Locken. Erst gegen Ende kamen sie, motiviert durch unsere guten westlichen Heldinnen, herbei um die mutigen Tierschützerinnen mit gemeinsamem Gesang gegen die Bösewichte zu unterstützen.

Und wenn wir nun auch noch die alten Geschichten von allem irritierendem und abstoßendem Vokabular befreien, reinigen wir unsere Erinnerungen an die Kolonial- und Unterdrückungsgeschichte gleich mit.

Was hat der Film aus dem Jahr 2024 mit dem modernisierten Kinderbuch zu tun? Nichts, und genau das ist das Problem. Er zeigt, dass eine vom Rassismus gereinigte Sprache das rassistische Weltbild der westlichen Gesellschaften nicht im Geringsten beeinträchtigt. Das Gegenteil ist der Fall. In einer unschuldigen, gereinigten Sprache lassen sich Geschichten von den weißen, fortschrittlichen Weltretterinnen, die den rückständigen Leuten in zivilisationsfernen Gebieten zur Hilfe eilen, um ihre wunderbar ursprüngliche Welt vor dem Zugriff der übermächtigen ebenfalls westlichen Geschäftemacher zu schützen, umso besser erzählen. Zumal sich diese Botschaft in Geschichten von mutigem Kampf gegen Umweltzerstörung noch besser transportieren lässt. Niemand wird dadurch verstört, dass dabei diskriminierende Bezeichnungen verwendet werden.

Und wenn wir nun auch noch die alten Geschichten von allem irritierendem und abstoßendem Vokabular befreien, reinigen wir unsere Erinnerungen an die Kolonial- und Unterdrückungsgeschichte gleich mit. Wir müssen uns von unseren Kindern, wenn wir ihnen die zuckersüßen Geschichten von den weißen Weltretterinnen erzählen wollen, nicht mehr fragen lassen, ob wir nicht vielleicht durch frühere Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse, durch Jahrhundertelange Diskriminierungen erst eine Kluft und das Bild eines klügeren, fortschrittlichen Westens aufgebaut haben, der nun mit gnädiger und besserwisserischer Attitüde die Welt vor bösen Machenschaften rettet, zu denen die restliche Welt in ihrer Trägheit nicht mal fähig ist. Wir waren dann schon immer die gutmütigen, klugen, mutigen und fortschrittlichen Guten, die die rückschrittlichen Naturvölker vor den allerdings ebenfalls klugen und fortschrittlichen Bösewichten schützt. Die Menschen in den anderen Teilen der Welt bleiben, was sie für die Europäer seit dem Beginn der Aufklärung und der Kolonisierung waren: träge, unwissende Bewohner der Wildnis, ohne eigenen Willen, ohne eigene Vorstellungen von einem guten Leben in einer guten Welt. Wir bezeichnen sie nicht mehr mit rassistischen Sammelbegriffen, und wir tun auch so, als hätten wir es nie getan, aber an unserem Macht- und Dominanzgebaren ändert sich nichts.

Jörg Phil Friedrich

Von Jörg Phil Friedrich erschien bei Alber Der plausible Gott und Ist Wissenschaft, was Wissen schafft?. Er schreibt regelmäßig philosophische Kurzessays und Rezensionen, u.a. in der Wochenzeitung Der Freitag und in der Tageszeitung WELT sowie in human, dem neuen Magazin für Intelligenz und Zukunft.

Die Kolumne

In seiner Kolumne Reflexe gibt er hier monatlich Anregungen zur philosophischen Reflexion geben, die auf alltäglichen, politischen oder gesellschaftlichen Erfahrungen beruhen.